Das reichste Dorf der Welt – Hinter den Kulissen von St. Moritz

Prolog

 

St. Moritz sei hässlich, heisst es gerne. Und in der Tat ist es erstaunlich, dass sich dieses Städtchen, das sich offiziell immer noch als Dorf bezeichnet, auch wenn hier zu den Spitzenzeiten zwischen Weihnachten und Neujahr bis zu 25000 Menschen leben, auch wenn hier ein- und ausgeht, wer Rang und Namen oder Geld oder alles zusammen hat, auch wenn es der teuerste Ort der Alpen ist, dass sich dieses Weltdorf, einigen wir uns doch auf diesen Begriff, also einen Empfang erlaubt, der erstaunlich abschreckend oder zumindest wenig einladend ist.
Vom Bahnhof geht es durch eine Parkgarage namens Serletta eine Rolltreppe hoch, rechts das Projekt eines Wiederaufbaus des 1944 abgebrannten riesigen Grand Hotels, das seit über zehn Jahren nicht vom Fleck kommt, dann nach links vorbei auf einem schmalen Trottoir am Hotel Badrutt’s Palace, wo die teuersten Schlitten vor der Tür aufgereiht sind, vorbei an Luxusmodeläden, aber auch leerstehenden Häusern, über den Schulhausplatz in die Via Maistra, die Hauptstrasse – und immer muss man aufpassen, nicht überfahren zu werden. Dass der Verkehr bis heute nicht aus diesem Erholungsmekka der Reichen und der Schönen verbannt worden ist, das kann man fast nicht glauben.
Vielleicht hat es mit dem Umstand zu tun, dass man seine edle Maschine, hat man mit ihr die Berge bezwungen und es also nach ganz oben geschafft, auch zur Schau stellen will. Das Auto, einer der letzten Rückzugsorte des eingehegten, modernen Menschen, da kann er ganz bei sich selbst sein, fluchen, singen, in der Nase popeln, es ist ein Ding, zu dem viele Menschen ein geradezu ekstatisches Verhältnis haben. Wie schrieb der faschistische Schriftsteller und Politiker Filippo Tommaso Marinetti 1909 in seinem «Futuristischen Manifest» über das Auto: «Wir gingen zu den drei schnaufenden Maschinen, um ihnen liebevoll ihre heissen Brüste zu streicheln.» Ein Rätsel bleibt es trotzdem, dass sich diese Faszination bis in unsere ach so aufgeklärte Zeit gehalten hat.
Aber es ist sowieso vieles seltsam an St. Moritz. Vor allem anderen ist es der Umstand, dass dieser Ort in der Schweiz liegt. Denn es gibt nichts Unschweizerischeres als diesen abgelegenen Flecken in den Bündner Bergen mit knapp 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern, wovon 43 Prozent Ausländer sind, wovon wiederum rund 80 Menschen nur pauschale Steuern bezahlen, also keiner Erwerbstätigkeit in der Schweiz nachgehen und bloss nach ihren selbst deklarierten jährlichen Lebenshaltungskosten besteuert werden. Diese Art der Besteuerung lohnt sich nur für Menschen, die ein steuerbares Vermögen von mindestens 20 Millionen Franken ihr eigen nennen. Es ist eine Steuer, um die Ultrareichen im Lande zu halten – und gleichzeitig eine höchst umstrittene Abgabe. Weshalb sie einige Kantone wie Basel-Stadt oder Zürich schon abgeschafft haben. Graubünden nicht. Weil sich nirgendwo in der Schweiz bei so wenig Einwohnern so viele reiche Menschen tummeln. Die möchte man nicht verlieren, denn Geld ist schrecklich beweglich, ein Tastendruck, weg ist es. Weshalb es auch nie gelungen ist, Vermögen anständig zu versteuern. Denn einer bietet immer tiefere Vermögenssteuern, oft auch gar keine wie etwa in Monaco oder Dubai.
Natürlich ist der Satz, St. Moritz sei hässlich, vor allem eine Wunschvorstellung, um sich nicht der Tatsache stellen zu müssen, dass man weniger hat als die hier oben. Und nie so viel haben wird. Diese Konzentration von Reichtum auf so einem winzigen Flecken Erde, ist eine Provokation. Die Gemeinde St. Moritz verfügt zur Zeit über ein Barvermögen von über 100 Millionen Franken. «Wir könnten heute, wenn wir dürften, die Steuern abschaffen», sagt Christian Jott Jenny, der dem Ort als «Mayor», wie er sich gerne nennt, vorsteht. Bislang lockt seine Gemeinde mit einer sehr tiefen Einkommenssteuer, die 2024 nochmals von 60 auf 55 Prozent gesenkt wurde (1964 verlangte man noch 110 Prozent). Aber das ist nur wichtig für diejenigen, die hier auch arbeiten – und nicht bloss ihr Geld arbeiten lassen. Und das sind die wenigsten von diejenigen, die am Suvrettahang wohnen, eine der begehrtesten Wohnlagen der Welt. 2024 wurde dort ein Anwesen für 135 Millionen Franken verkauft, eine Summe, die selbst St. Moritz noch nie gesehen hatte. Worauf der Steuerverantwortliche der Gemeinde seine Lehrtochter in fünf Minuten eine Rechnung über acht Millionen Franken ausstellen liess, für die Handänderungs- und die Grundstücksgewinnsteuer. Das ist auch der Mann, der im Mai oder Juni jeweils durch die Gänge der Gemeindeverwaltung an der Via Maistra 12 schreitet und verkündet, man habe die für das ganze Jahr budgetierten Steuereinnahmen jetzt schon erreicht. Letztere haben sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, von 50 Millionen auf über 88 Millionen Franken. Und man nimmt in der Finanzplanung bis 2036 an, dass dies die nächsten zehn Jahre so weiter geht.
Und übrigens ist der Satz, St. Moritz sei hässlich, Ansichtssache. Man muss den Blick ja nicht nach innen werfen, in dieses gepützelte Durcheinander von herrschaftlichen Häusern und vielem Unansehnlichem, diesem «Infill», wie es in der Sprache der Architekten heisst. Man kann auch nach vorne blicken, an die Kante, wo die Hotels aus der Gründerzeit des Ortes stehen, sie markieren die Bühne.
Ja, wer es sich mal im Liegestuhl auf der 30 Quadratmeter grossen Terrasse einer «Palace»-Suite gemütlich gemacht hat, der weiss davon ein herrlich Lied zu singen. Sein Blick überschaut ein Panorama, wie es dies wohl kein zweites Mal auf der Welt gibt. Eingefasst wie eine Schale liegt im Goldenen Schnitt der See, je nach Jahreszeit in weissen, blauen, silbernen Farbtönen gekleidet, dahinter erhebt sich der unverbaute Piz da Staz, auch sommers mit einer Schneekappe grüssend. Dazu kommt das Licht, dieses Licht, das viele Dichter schon beschrieben und viele Maler schon gemalt haben. «Weissglühend» nannte es Giovanni Segantini.
Es ist eine luxuriöse Ruhe, die die Seele und den Geist streichelt. Weil hier die Natur eine Ästhetik geschaffen hat, die nicht zu kopieren – aber deren Anblick mit Geld zu kaufen ist. «Hier ist es heller als anderswo – im wörtlichen wie im geistigen Sinne», hat Friedrich Nietzsche über das Oberengadin gesagt.
Gottlob, muss man sagen, kann jemand nicht mal hier Berge versetzen. Verlöre St. Moritz sein einzigartiges Panorama, es wäre am Ende, die Bühne abgebrochen, entsorgt, nicht zu recyclen.
Wie vieles in der Schweiz, sogar das Land selbst, dessen politische Verfasstheit es dem Franzosen Napoleon Bonaparte zu verdanken hat, ist auch St. Moritz als Marke keine Erfindung seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Sie ist aus der Langeweile geboren, der Langeweile seiner britischen Sommergäste, die vom Hotelier Johannes Badrutt jun., der das Kulm von einer Pension zum Luxushotel erweitert hatte, mit einer Wette, so mindestens die Legende, auch im Winter hierher gelockt werden wollten. Er soll ihnen versprochen haben, sie könnten hier oben auch im Winter sonnenbaden. Badrutt empfing, so heisst es, die Engländer schliesslich im gleissenden Licht im T-Shirt.
Man hätte es halt gerne, dass St. Moritz hässlich ist. Weil die Welt immer hässlicher, also immer ungerechter wird. Das obere ein Prozent der Menschheit besitzt heute so viel wie die untere Hälfte der Menschheit zusammen. Und die hier oben, die stellen diese Ungerechtigkeit auch noch zur Schau. Das mag man nicht. Und fühlt sich doch angezogen. In Gruppen fallen sie schon ein in dieses Weltdörfchen, der Wimpelmann mit Megaphon voraus, um zu schauen, was sie nicht haben und um sich die Bestätigung ihrer Vorurteile zu holen, dass die hier aus Fleisch und Blut sind – und die meisten ganz schön dumm, wenigstens primitiv. Was natürlich nur schon deshalb falsch ist, weil man immer zuerst in den Spiegel schauen sollte, bevor man ein Urteil über andere fällt, die man gar nicht kennt.
Ja, viele Menschen sehnen sich nach Reichtum. Weil sie denken, ihr Leben, dieser Marathon, wäre leichter, wenn sie mehr als genug hätten. Auch wenn sie in ihrem Sehnen ihren Irrtum schon ahnen, wissend um die banale Tatsache, dass Geld allein nicht glücklich macht. Und dass, ab einem Vermögen von zehn Millionen Franken, das Glücksempfinden nicht mehr gesteigert werden kann, ab da beginnt der Stress, weil man damit zu viel zu tun und zu viel zu verlieren hat, das ist wissenschaftlich erwiesen.
Aber man will oben mitschwimmen, so ist der Mensch. Status heisst die Währung, für die die meisten Menschen sich Tag für Tag ein Bein ausreissen. Auch das ist ein Grund, warum Regelungen, die Reichen härter, einige würden sagen: gerechter zu besteuern, in der Schweiz wohl niemals Erfolg haben werden. Denn die Menschen wollen sich das Leben da oben, das sie einst, vielleicht, vielleicht, vielleicht, führen werden, nicht ohne Not verbauen. Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel hat mal gesagt, der Schweizer Arbeiter neide seinem Chef nicht den Mercedes, denn irgendwo in seinem Herzen glaube er daran, irgendwann auch ein solchen zu fahren. Damit hat er ein passendes Bild für die psychische Struktur des Einheimischen gefunden. Und auch für das Erfolgsgeheimnis dieses Landes, in dem, im Vergleich zu den umliegenden Ländern, immer noch mehr gearbeitet wird als im Rest Europas, weil es sich als Steigbügelhalter für das Glück der anderen versteht (und dabei das daraus resultierende eigene Glück lieber unter den Scheffel stellt).
St. Moritz ist ein Fallbeispiel für unsere Hassliebe zum Reichtum. Man könnte auch sagen: unsere Heuchelei im Umgang mit den Menschen, die wir «Superreiche» nennen. Im Wort steckt sie ja schon drin, unsere Bewunderung, «super» ist wohl nicht als Schimpfwort bekannt. Das Land lebt auch von den reichen Menschen, die meisten von ihnen zahlen Steuern, und davon nicht wenig. Das obere eine Prozent der Menschen, die in der Schweiz einer Erwerbsarbeit nachgehen, bezahlen rund einen Viertel der progressiv gestalteten Einkommensteuer, rund 17 Milliarden Franken – obwohl sie «nur» wenig mehr als 10 Prozent aller Einkommen erzielen. Bei der Vermögenssteuer bezahlen die Ultrareichen über die Hälfte, das sind fast 5 Milliarden Franken. Zudem tragen sie viel dazu bei, dass die AHV, der Alters- und Hinterbliebenenrente, einigermassen im Lot ist, da diese nicht gedeckelt, also nach oben offen ist. Wer viel verdient, zahlt also viel mehr in die AHV ein, als er nach der Pensionierung bekommt. Und sie schaffen Arbeitsplätze und spenden.
Natürlich kann man dies auch anders sehen. Man kann sagen, die Vermögenssteuer sei lächerlich tief. Und dass es in den meisten Kantonen keine Erbschaftssteuer gebe, sei eine Ungerechtigkeit sondergleichen, ist es doch eine Tatsache, dass von den rund 100 Milliarden, die in der Schweiz pro Jahr vererbt werden, der Löwenanteil denen zufällt, die ohnehin schon viel haben. Dieser dynastische Reichtum, der von Generation zu Generation weitergegeben wird und für den die meisten wenig bis nichts geleistet haben, zementiere gesellschaftliche Strukturen. Es gibt deshalb hier Familien, die haben seit Jahrhunderten das Sagen. Man kann es mit Fug und Recht stossend finden, dass drei Viertel des Vermögens der Reichen vererbt ist, Geld also, für das sie gar nichts geleistet haben, ausser in die richtige Familie geboren worden zu sein. Falsch: Auch dafür haben sie nichts geleistet. Das widerspricht grundsätzlich dem liberalen Glauben an eine Meritokratie, in der zu gesellschaftlichen Ansehen gelangt, wer sich dies durch seine Leistungen verdient hat. Ja, das alles kann man sagen.
Wie dem auch sei. Einfach ist unser Verhältnis zum Reichtum jedenfalls nicht. Da ist nichts Entspanntes, gerade auch weil wir alle im Kapitalismus gross geworden – und so erzogen sind, dass wir meinen, unser jeweiliger Kontostand entscheide über Glück und Verderben unserer selbst.
In diesem Buch soll es um dieses Verhältnis, diese Hassliebe gehen. Und um den Apparat, der St. Moritz zu dem macht, was es ist: eine Enklave, dem Sumpf des mühseligen Lebens entrissen, trockengelegt, geschmückt und unterhalten von vielen für ein paar wenige. Die Dienerinnen und Diener des Geldes und die Herren (und Damen) des Geldes. Davon wollen wir berichten. Mein Freund Lois Hechenblaikner, der seit Jahrzehnten die Welt des Tourismus (und die Auswüchse desselben) mit seiner Kamera beobachtet, wohl auch, um zu verstehen, woher er, der in einer Tiroler Pension, inmitten einer befremdlichen Liebedienerei gegenüber der ständig wechselnden Gästeschar, seine Kindheit und Jugend verbracht hat, und ich, der ich fast ebenso lange über die Wohlstandsinsel Schweiz schreibe, dieses Paradies auf Erden, das einem nicht selten unwirklich vorkommt.

 

Peer Teuwsen

Peer Teuwsen ist mehrfach ausgezeichneter Journalist und leitet das Ressort Kultur von «NZZ am Sonntag».