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Archival Pigment Print | Format: 43 cm x 53 cm Auflage: 6 (+2 AP)

 

 

Wir sehen, dass Struktur, Form, Energie und geistiges Etwas in ein bestimmtes, formales Verhältnis zueinander treten muß, und aus der Struktur und Form das Wesen zu erkennen ist.
Carl Huter, Psycho-Physiognom 
(1861-1912)

 

Im Fanpublikum der volkstümlichen Musikszene spiegelt sich eine soziale Flora, die der Soziologe Gerhard Schulze in seinem Standardwerk „Die Erlebnisgesellschaft – Kultursoziologie der Gegenwart“ als Harmoniemilieu beschreibt. Als Grundmuster liegt die Sehnsucht nach der heilen Welt zugrunde. Es ist die Suche nach Geborgenheit, um zumindest für ein paar Stunden dem Existenzkampf zu entkommen. In einer schlechten Welt sucht das Ich nach der Provinz der Harmonie.

In dieser Werkserie untersucht Lois Hechenblaikner mit den Mitteln der Fotografie, in welchen visuellen Resonanzraum das Publikum der volkstümlichen Musikszene mit seinen Protagonisten tritt, und welche Rückkoppelungen dabei geschehen: Gesichtsaudruck, Mimik, Augenausdruck, Gestik und Kleidung sind dabei die Erzähler auf der Ebene der nonverbalen Kommunikation.

 

Auszug aus dem Buch „Die Erlebnisgesellschaft – Kultursoziologie der Gegenwart“ von Gerhard Schulze

Harmoniemilieu

1. Evidente Zeichenkonfiguration: Der Kern des Harmoniemilieus besteht aus älteren Personen (typischerweise über 40) mit niedriger Schulbildung (überwiegend unterhalb der mittleren Reife. Im dimensionalen Raum alltagsästhetischer Schemata verdichtet sich das Harmoniemilieu in jener Region, die durch Distanz zum Hochkulturschema und gleichzeitig Nähe zum Trivialschema bestimmt ist.

Überrascht stoßen wir hier auf eine soziale Großgruppe, deren Existenzform in vielen Details unterschichtentypisch in einem Sinn erscheint, wie er uns aus der Literatur geläufig ist. Ist das Arbeitermilieu nicht soziologisch totgesagt? Nach den im vorangegangenen Abschnitt festgestellten Parallelen zwischen Niveaumilieu und Bürgertum zeigen sich erneut Ähnlichkeiten zwischen sozialen Milieus, die verschiedenen sozialgeschichtlichen Epochen angehören. Als gäbe es eine kulturhistorische Phylogenese, sind im heutigen Phänotyp sozialer Großgruppen viele Atavismen erkennbar, denen die radikale Veränderung der Lebensumstände nicht viel anhaben konnte.

Dies soll nicht über die Andersartigkeit des gegenwärtigen Gefüges sozialer Milieus hinwegtäuschen, die sich auch im Verhältnis von Harmoniemilieu und Niveaumilieu niederschlägt. Trotz vieler Kontraste ist der klassische Gegensatz zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum vor allem insofern nicht mehr gegeben, als beide Milieus auch eine wichtige Gemeinsamkeit aufweisen – das vorgerückte, nicht mehr jugendliche Alter. Wir begegnen hier einem der wichtigsten Strukturmerkmale unseres Milieugefüges. Die klare Vertikalität der Bildungsunterschiede wird durch das Hervortreten der Altersschichtung gebrochen. Im Strukturmodell sozialer Milieus, das sich aus einer Zusammenschau der fünf folgenden Milieuportraits ableiten läßt, ist diese durch eine Altersgrenze gespaltene Vertikalität das markanteste Charakteristikum (vgl. Abschnitt .2).

2. Manifestation in der Alltagserfahrung: Obwohl das Harmoniemilieu mehr Menschen umfaßt als das Niveaumilieu, tritt es weniger klar öffentlich in Erscheinung. Dies liegt nicht nur an der milieuspezifischen Neigung, zu Hause zu bleiben. Auch wenn sich die Angehörigen des Milieus durch die Öffentlichkeit bewegen, in der Fußgängerzone, in Kaufhäusern, Linienbussen, bleiben sie eher unauffällig. Als gelte es, sich zu tarnen, ist die Farbpalette der Kleidung überwiegend aufzurückhaltende Töne beschränkt – grau, beige, oliv, dunkelblau. Die antiexzentrische Distinktion des Trivialschemas wird übersetzt in den Stil der Mäntel von der Stange, der zeitlosen Filzhüte, der Bügelfaltenhosen und Strickjacken aus dem Sonderangebot. Mit einem Outfit der Undeutlichkeit macht sich das Milieu systematisch zum Hintergrund: ununterscheidbare dunkle Damenhandtäschchen, konservatives Schuhwerk, Baumwollhemden in Standardmustern und schwer definierbaren Farben, unaufdringliche Frisuren. Bezeichnend sind die bevorzugten Stilmerkmale der Kleidung, zu denen sich das Milieu der Outfit-Studie zufolge (1986, S.72) mehr als andere Milieus bekennt: gepflegt, ordentlich, schlicht, korrekt, dezent, unauffällig, traditionsbewußt.

Prototypen des Milieus sind die zur Miete wohnende Angestelltenwitwe, der ältere Arbeiter, das Rentnerehepaar, die Hausfrau im Billigmarkt mit ihrer Einkaufstasche auf Rädern, die Wurstverkäuferin, deren Alter irgendwo zwischen 40 und 60 liegen muß. Die Männer gehen gerne zum Fußball, die Frauen in die Konditorei. Man trifft das Milieu dort, wo das Billige und nicht allzu Modische zu haben ist, im Schuhdiscount, bei CA, in der Großwohnanlage auf Mallorca. Anbieter von Kaffeefahrten und dazugehörigen Konsumartikeln (heizbare Wolldecken, Patentbügelbretter, Topfkombinationen) rekrutieren ihr Publikum fast ausschließlich aus diesem MilieuKnoblauch 1988). Körperlich unterscheidet sich das Milieu deutlich von den anderen Milieus (auch von den etwa gleichaltrigen Gruppen – Niveaumilieu und Integrationsmilieu) durch seine Langsamkeit, Behäbigkeit, Ungelenkigkeit.

Auffälligstes Merkmal der Inneneinrichtung ist eine Tendenz zur Besetzung des Raums mit Objekten. Das Prinzip viel ist schön führt oft zu Überlagerungen mehrerer ästhetischer Materialschichten. Über dem dicken gemusterten Teppichboden liegt ein anders gemusterter Zierteppich, darauf ein Spitzendeckchen, auf dem ein verschnörkeltes Glastischchen steht. Die zwei Etagen des Tischchens sind mit Brokatdeckchen belegt. Darauf silberne Untersetzer, dann eine Schicht Schnapsgläser, geschart um eine Kristallvase. Die darin stehenden Papierblumen füllen den Luftraum über dem Tischchen in seiner unteren Schicht, darüber hängt eine an der Zimmerdecke befestigte Blumenampel. Die in der WohnweltStudie (1988, S70) abgebildeten milieuspezifischen Interieurs werden aus unerfindlichen Gründen als rustikal bezeichnet. Beherrschender Eindruck ist jedoch nicht Schlichtheit, sondern Anfüllung. Andere Milieus nutzen die Leere als Gestaltungsprinzip, dieses die Häufung. Die Aneignung des Innenraums vollzieht sich hier durch Besetzung von Lücken, durch Schaffen von Höhlen (die wiederum besetzt werden wie die Arkaden der Schrankwand oder wie der Raum unter dem Fernsehtischchen, durch Verdunklung, Unterbrechung glatter Flächen, Musterung und durch Erzeugung einer unverkennbaren Wolke von Stallgeruch, die aus einem heterogenen Materiallager der Gemütlichkeit gespeist wird. Diese selbstgewählte Verengung und Verdichtung der Wohnatmosphäre, für Angehörige anderer Milieus nahezu unerträglich, verweist auf Charakteristika des milieuspezifischen Subjekts von der in den folgenden Punkten zu reden ist.

3. Existentielle Anschauungsweise: Um das Wirklichkeitsverständnis des Harmoniemilieus zu rekonstruieren, müssen wir uns umstellen. Die unsystematische Zerklüftung des Alltagswissens zwingt dazu, eine Perspektive einzunehmen, die sich nicht in eine logisch geordnete, nach einem einheitlichen Prinzip aufgebaute Reihe mit den existentiellen Anschauungsweisen der anderen Milieus bringen läßt. Im Weltbild des Harmoniemilieus dominiert als primäre Perspektive die Dimension der Gefahr. Gegeben ist eine potentiell bedrohliche Welt. Aus diesem milieuspezifischen Ur-Mißtrauen heraus entsteht eine Tendenz, den Wirklichkeitshorizont überhaupt zu reduzieren. Durch Vermeidung des Neuen wird selektive Wahrnehmung auf die Spitze getrieben.

Aus diesem milieuspezifischen Ur-Mißtrauen heraus entsteht eine Tendenz den Wirklichkeitshorizont überhaupt zu reduzieren. Durch Vermeidung des Neuen wird selektive Wahrnehmung auf die Spitze getrieben. Auf nichts anderes Prototypen des Milieus sind die zur Miete wohnende Angestelltenwitwe, der ältere Arbeiter, das Rentnerehepaar, die Hausfrau im Billigmarkt mit ihrer Einkaufstasche auf Rädern, die Wurstverkäuferin, deren Alter irgendwo zwischen 40 und 60 liegen muß. Die Männer gehen gerne zum Fußball, die Frauen in die Konditorei. Man trifft das Milieu dort, wo das Billige und nicht allzu Modische zu haben ist, im Schuhdiscount, bei CA, in der Großwohnanlage auf Mallorca. Anbieter von Kaffeefahrten und dazugehörigen Konsumartikeln (heizbare Wolldecken, Patentbügelbretter, Topfkombinationen) rekrutieren ihr Publikum fast ausschließlich aus diesem MilieuKnoblauch 1988). Körperlich unterscheidet sich das Milieu deutlich von den anderen Milieus (auch von den etwa gleichaltrigen Gruppen – Niveaumilieu und Integrationsmilieu) durch seine Langsamkeit, Behäbigkeit, Ungelenkigkeit.

Auffälligstes Merkmal der Inneneinrichtung ist eine Tendenz zur Besetzung des Raums mit Objekten. Das Prinzip viel ist schönführt oft zu Überlagerungen mehrerer ästhetischer Materialschichten. Über dem dicken gemusterten Teppichboden liegt ein anders gemusterter Zierteppich, darauf ein Spitzendeckchen, auf dem ein verschnörkeltes Glastischchen steht. Die zwei Etagen des Tischchens sind mit Brokatdeckchen belegt. Darauf silberne Untersetzer, dann eine Schicht Schnapsgläser, geschart um eine Kristallvase. Die darin stehenden Papierblumen füllen den Luftraum über dem Tischchen in seiner unteren Schicht, darüber hängt eine an der Zimmerdecke befestigte Blumenampel. Die in der WohnweltStudie (1988, S70) abgebildeten milieuspezifischen Interieurs werden aus unerfindlichen Gründen als rustikal bezeichnet. Beherrschender Eindruck ist jedoch nicht Schlichtheit, sondern Anfüllung. Andere Milieus nutzen die Leere als Gestaltungsprinzip, dieses die Häufung. Die Aneignung des Innenraums vollzieht sich hier durch Besetzung von Lücken, durch Schaffen von Höhlen (die wiederum besetzt werden wie die Arkaden der Schrankwand oder wie der Raum unter dem Fernsehtischchen, durch Verdunklung, Unterbrechung glatter Flächen, Musterung und durch Erzeugung einer unverkennbaren Wolke von Stallgeruch, die aus einem heterogenen Materiallager der Gemütlichkeit gespeist wird. Diese selbstgewählte Verengung und Verdichtung der Wohnatmosphäre, für Angehörige anderer Milieus nahezu unerträglich, verweist auf Charakteristika des milieuspezifischen Subjekts von der in den folgenden Punkten zu reden ist.

Im Gegensatz zu den anderen alltagsästhetischen Schemata ist das Trivialschema deshalb durch ästhetischen Konservativismus und formale Schlichtheit gekennzeichnet. Das Harmoniemilieu als prägende soziale Gruppe des Trivialschemas sucht ein stabiles und bequemes Paradies. Geborgenheit braucht Stallgeruch. Neuartige und schwer zu dekodierende ästhetische Strukturen wären bedrohlich. Dieselbe Motivation, die das Harmoniemilieu für das Trivialschema empfänglich macht, läßt es vor dem Hochkulturschema zurückschrecken. Gemütlichkeit (Genußschema, Dazugehören (antiexzentrische Distinktion, Harmonie (Lebensphilosophie): So lautet die Kursbestimmung ästhetischer Bedeutungssuche, angestoßen durch die Suche nach Geborgenheit, mit der das Harmoniemilieu auf die Vorstellung einer tendenziell gefährlichen Wirklichkeit reagiert. In der politischen Einstellungsbildung schlägt sich die Suche nach Geborgenheit in einer besonders hohen Bereitschaft zur politischen Unterordnung nieder, verbunden mit der Ablehnung von Unruhe, Innovation, Protest. Das Harmonieideal wird umgesetzt im politischen Ziel einer statischen, geführten und disziplinierten Gesellschaft. Keine Experimente!

4. Fundamentale Interpretation: Mehr noch als beim Niveaumilieu zeigt sich beim Harmoniemilieu das Phänomen der innenorientierten Umdeutung von ursprünglich außenorientierten Handlungstendenzen (vgl. Abschnitt .7). Die existentiellen Anschauungsweisen beider Milieus repräsentieren zwei Seiten der vergangenen Knappheitsgesellschaft, die obere und die untere, als sozialgeschichtliche Reminiszenz in der Überflußgesellschaft. Dem Statusdenken der Oberen korrespondierte das Überlebensdenken der Unteren. Vor dem Hintergrund der ökonomischen Semantik konstruierten die einen ihr Lebensprojekt offensiv als Aufwärtsstreben, die anderen defensiv als Vermeidung des Untergangs (materialreich schildert Camporesi die Alltäglichkeit der Bedrohung durch Hunger und Krankheit; 1990). Der fundamentalen Erfahrung von vielstand die fundamentale Erfahrung von wenig, oftmals zu wenig gegenüber. In der thetischen Projektion bauten die einen am Konstrukt des Erhabenen, der Verfeinerung, der Distinktion, während die anderen kaum Ressourcen zur Verfügung hatten, um überhaupt ästhetische Projektionen zu entwickeln. Kostenlos war lediglich die mündliche Volkskultur und die Religion. In beiden Bereichen stoßen wir auf das Spannungsverhältnis von Realität und Utopie, von böser Welt und Erlösung. Zahlreiche Märchen folgen der Dramaturgie des Übergangs von der Entbehrung zum Überfluß jenseits allen Vorstellungsvermögens – Königssöhne treten strahlend in die rußgeschwärzte Welt der Armut ein, Geld fällt vom Himmel oder aus dem Dukatenesel, an den Bäumen wachsen Würste, gebratene Tauben fliegen durch die Luft. Die religiöse Entgegensetzung von irdischem Jammertal und Paradies ist eine Variation desselben Motivs. Es spricht daraus eine fundamentale Deprivationserfahrung, die in die Konstruktion der ökonomischen Semantik einfließt. Eine der Projektionen der Kategorie >wenig< ist die existentielle Anschauungsweise der Suche nach Geborgenheit in einer bedrohlichen Welt, eine andere die volkstümliche Ästhetik der Erlösung.

Daß wir immer noch auf dieses Deutungsmuster stoßen, obwohl sich die materielle Situation so grundlegend gewandelt hat, ist erstaunlich. Gewiß – es sind immer noch die relativ Deprivierten, die so denken, doch wirkt ihre objektive Deprivation im Vergleich zum Leben in der Zone des Existenzminimums wie Reichtum. Bei den relativ Deprivierten hat sich eine Mentalität konserviert, die unter der Bedingung absoluter Deprivation entstanden ist. Noch lebt die kollektive Erinnerung an das Mittelalterim ökonomischen Sinn, das Le Goff (1991) erst in unserem Jahrhundert wirklich zu Ende gehen läßt: „Europa ist bis ins 19. Jahrhundert eine ländliche Welt, den wiederkehrenden Hungersnöten ausgeliefert“.

Um das Harmoniemilieu zu verstehen, müssen wir noch einen Schritt weitergehen. Seine normale existentielle Problemdefinition der Suche nach Geborgenheit kann in vielen Fällen nicht mehr als außenorientiert begriffen werden – als Wunsch nach einer sprunghaften Ressourcenvermehrung in der Biographie, um endlich dem Existenzkampf zu entkommen. Seitdem diese Ressourcenvermehrung tatsächlich eingetreten ist, hat die existentielle Anschauungsweise des Harmoniemilieus zunehmend innenorientierte Züge bekommen. Worin liegt der Reiz des Erlösungsmotivs, zu dessen aktuellen Varianten etwa der Lottogewinn gehört, der Schlager, die Hochzeiten der Prominenz, der Trivialroman, die traditionalistische Folklore einer als harmonisch vorgestellten Sozialgemeinschaft? Daß den Besitzern etwas kleinerer Autos, etwas bescheidenerer Behausungen, etwas geringerer Sparkonten nichts anderes bliebe als die Flucht in eine Fiktion, wo man über Limousinen, Luxusvillen und riesige Summen verfügen kann, ist absurd. Die existentielle Anschauungsweise des Harmoniemilieus unterliegt einer innenorientierten Umdeutung. Nicht die nackte Not, sondern der Erlebnisgehalt stabilisiert in zunehmendem Maße die Suche nach Geborgenheit.

Damit erhebt sich die Frage nach dem Bezug des Harmoniemilieus zur fundamentalen psychophysischen Semantik (zur Terminologie des folgenden Absatzes vgl. Abschnitt 7.2). Kennzeichnend für das Milieu ist die Kombination der Kategorien von Einfachheit und Ordnung. Im Muster des schönen Erlebnisses verbinden sich die Körpererfahrungen von Standardisierung und Unmittelbarkeit mit den kognitiven Elementen von Sicherheit und Entlastung. Geprägt von diesem Muster ist auch das Erlebnisparadigma, mit dem das Projekt des Harmoniemilieus metaphorisch beschrieben werden soll, die Hochzeit. Es ist eine Szenerie, in der selbst Zyniker innere Kämpfe gegen die aufkeimende Rührung durchmachen. Für den Betrachter überwiegt die Perspektive der Braut: zart, rein, verletzlich, nun aber für immer beschützt. Im traditionellen Schema des Hochzeitsbildes wird der Mann oberhalb der Frau postiert. Der festgehaltene Moment ist der Moment schöner Ordnung schlechthin, nach den Unsicherheiten der Verlobungszeit, vor den Ernüchterungen des Ehelebens, kollektiv geformt durch standesamtliche und kirchliche Riten. Die Ringe sind getauscht, der Kuß bereits ein Tun jenseits der Sünde, Vollzug institutionalisierter Forderungen. Nun endlich kann die Braut sich fallen lassen. Daß dieses Paradigma wenig mit der Wirklichkeit der Hochzeit zu tun hat, ist hier nebensächlich, geht es doch nicht um die Beschreibung der tatsächlichen Gefühlswelt von Bräuten, sondern um die Wiedergabe eines populären Mythos, in dem sich die existentielle Anschauungsweise des Harmoniemilieus verdichtet.

5. Alltagsästhetik: Eine detaillierte Untersuchung der milieuspezifischen Alltagsästhetik fördert eine besondere Neigung zum Praktischen zutage, die auch in den anderen weniger gebildeten Milieus (Unterhaltungsmilieu, Integrationsmilieu) anzutreffen ist: das Auto oder das Motorrad pflegen, die Wohnung verschönern, Reparaturen am Haus oder in der Wohnung, Sachen in Ordnung bringen, etwas Gutes kochen, saubermachen. Umgekehrt ist die Distanz gegenüber solchen ästhetischen Zeichen besonders groß, deren Dekodierung Bildung oder Reflexion voraussetzt, vor allem, wenn es sich um ästhetische Zeichen der neuen Kulturszene handelt, die nicht durch längere Tradition im Kollektiv etabliert sind (etwa freie Theater und Kleinkunstbühnen. Stattdessen triumphieren Blasmusik, deutscher Schlager, Heimatfilm, Fernsehquiz, Naturfilme, leichte Unterhaltungsmusik. Die milieuspezifischen Lektürepräferenzen richten sich auf Bestsellerromane (Simmel, Konsalik, Utta Danella und andere) und vermeiden gehobene Literatur und Sachliteratur. Goldenes Blatt, Neue Post, Frau im Spiegel, Bildzeitung haben hier ihre Abnehmer, nicht dagegen Zeit, Spiegel, die Stadtzeitung, überregionale Tageszeitungen.

Im Gegensatz zu den bevorzugten Themen des Niveaumilieus bei der Zeitungslektüre – Politik, Wirtschaft, Kultur – richtet sich das Interesse im Harmoniemilieu auf lebenspraktisch verwertbare Informationen: Kleinanzeigen, Sonderangebote, Werbung, Lokalnachrichten. Beim Radiohören und beim Fernsehen tendiert das Milieu mehr als andere zu Themen, die sich mit der Region beschäftigen. Unübersehbar ist eine milieuspezifische Tendenz zum Rückzug in die Privatsphäre und zur Inaktivität. Am deutlichsten unterscheidet sich das Harmoniemilieu in dieser Hinsicht vom Selbstverwirklichungsmilieu. Auf der einen Seite die Neigung, überwiegend zu Hause zu bleiben, auf der anderen die Tendenz nach draußen. Während andere ins Kino gehen, Konzerte besuchen, Kneipen, Cafés, Diskotheken und Nachtlokale bevölkern, zum Essen ausgehen, sich mit jemandem treffen, sitzt das Harmoniemilieu beim Fernsehen. Weniger als andere soziale Gruppen ist das Milieu in Szenen präsent (Hochkulturszene, Neue Kulturszene, Kneipenszene). Es ist groß, aber kaum sichtbar.

Das Milieu ist die soziale Heimat des Trivialschemas: Gemütlichkeit als Genußform, Harmonie als Lebensphilosophie, Antiexzentrizität als Muster der Distinktion. Explizit tritt diese Form der sozialen Distanzierung in der Outfit-Studie zutage (1986, S.72). Kleidungsstile, die das Milieu ablehnt, sind charakterisiert durch Eigenschaften wie supermodern, avantgardistisch, extravagant, frech, witzig, poppig, originell, cool, antispießig, schockierend, »provozierend. Kommt die Ablehnung solcher Attribute beim Niveaumilieu aus der Verachtung des Unkultivierten, so speist sie sich im Harmoniemilieu aus der Ablehnung des Außenseitertums.

Sonstige Aspekte des Subjekts: Zur Kultur des Harmoniemilieus gehört das Dicksein. In keinem anderen Milieu ist der Anteil offensichtlich übergewichtiger Personen (beurteilt durch den Interviewer und durch den Befragten selbst) so hoch wie hier. Nur vordergründig ist dies auf milieuspezifische Eßgewohnheiten zurückzuführen; entscheidend ist die passive Einstellung gegenüber dem Körper in Verbindung mit dem Genußmuster der Gemütlichkeit, die zum Bedeutungskern des Trivialschemas gehört. Zwischen Lebensstil und Körperlichkeit besteht eine Wechselbeziehung: Ein gemütliches Leben macht dick, ein dicker Körper liebt die Gemütlichkeit. Dazu paßt, daß die Bereitschaft, aktiv Sport zu treiben, in diesem Milieu besonders niedrig ist.

Es dominiert die einfache Sprache, der Dialekt, der im Harmoniemilieu wesentlich häufiger und mit stärkerem Akzent vorkommt als im Niveaumilieu. Im Urteil der Interviewer fällt die Gesamteinschätzung der Person tendenziell deutlich ungünstiger aus als bei den gebildeteren Milieus (Niveaumilieu, Integrationsmilieu, Selbstverwirklichungsmilieu; die befragten Personen erscheinen als weniger freundlich, aufgeschlossen, höflich, entgegenkommend, kultiviert, ausgeglichen und anderes. Dieser Befund läßt zwei Interpretationen zu, die sich nicht gegenseitig ausschließen: Möglich ist erstens, daß die Fähigkeit zur effektiven Selbstinszenierung in diesem Milieu nicht gepflegt wird, zweitens kann es sein, daß im Interviewerurteil ein Befremden zum Ausdruck kommt, das mit der Zugehörigkeit der Interviewer zu anderen Milieus (überwiegend Selbstverwirklichung, Integration, Niveau) zusammenhängt.

In keinem Milieu ist die Distanz zum Ziel der Selbstverwirklichung größer als im Harmoniemilieu. Für die Beschäftigung mit den Mysterien des eigenen Innenlebens finden sich hier weit weniger Liebhaber als anderswo, wie sich etwa am geringen Interesse an Selbsterfahrungsgruppen und psychologischen Themen ablesen läßt. Der milieuspezifische Persönlichkeitstypus ist durch auffällig geringes Vertrauen gekennzeichnet: geringe Offenheit, hoher Fatalismus, hohe Anomie, hohe Rigidität (Angst vor neuartigen Situationen, hohe paranoide Tendenzen u. All diese Komponenten sind so stark miteinander verbunden, daß sie als Indikatoren einer übergreifenden psychosozialen Hyperdimension Vertrauenverwendet werden konnten. Auf dieser Dimension befindet sich der Großteil des Harmoniemilieus im unteren Skalenbereich, weitaus mehr als in allen anderen Milieus.

Mißtrauen bedeutet, daß man nichts Gutes von der Welt erwartet. Jeder ist sich selbst der Nächste. Eigentlich wäre zu vermuten, daß mißtrauische Menschen mit ihrem Leben unzufrieden sind. Erstaunlicherweise ist jedoch der Persönlichkeitstypus des Harmoniemilieus besonders zufrieden, vergleichbar nur dem Persönlichkeitstypus des Integrationsmilieus. Wie ist dies möglich? Ein Erklärungsversuch muß an der milieuspezifischen Alltagsästhetik ansetzen. Das Trivialschema, das ja seine Heimat ausschließlich in diesen beiden Milieus hat, enthält die Lebensphilosophie der heilen Welt. Dissonanzen, Konflikte, Spannungen haben in der Alltagsästhetik des Trivialschemas höchstens den Charakter des Theaterdonners, der als Kontrast für das sichere gute Ende benötigt wird. Dieser Angst vor einer unharmonischen Wirklichkeit, unübersehbar dokumentiert in der mißtrauischen Grundhaltung der milieuspezifischen Persönlichkeit, korrespondiert die Suche nach Harmonie im Kosmos der vorgestellten Wirklichkeit. Alltagsästhetische Praxis wird durch die Angst vor der Wirklichkeit bedingt und wirkt auf diese Angst zurück. Je mehr man sich an eine heile Welt gewöhnt, desto unfähiger wird man, mit der wirklichen Welt umzugehen und desto mehr erschreckt sie einen.

Besonders gering ist die politische Beteiligung. Niedriger als in den anderen Milieus ist das Interesse an öffentlichen Angelegenheiten; der Anteil der Parteimitglieder liegt lediglich bei 2%. In der Akzeptanz von Institutionen, Parteien und Bewegungen entspricht das Harmoniemilieu dem für die älteren Milieus generell typischen Muster einer konservativen Tendenz. Auffällig ist die besonders hohe Neigung zur politischen Unterordnung.

Fast ausschließlich gehören die berufstätigen Personen in diesem Milieu den unteren Berufsgruppen an. Im Vergleich zu den anderen älteren Milieus ist die Zufriedenheit mit den Einkommensverhältnissen am niedrigsten. Dem entspricht der geringere Wohnkomfort und der deutlich höhere Anteil von Personen, die kein Wohneigentum haben, sondern zur Miete wohnen. Zur oberen Mittelschicht oder Oberschicht rechnet sich kaum einer der Befragten aus diesem Milieu, viele dagegen zur Unterschicht oder Arbeiterschicht.

Wie im Unterhaltungsmilieu, dem komplementären jüngeren Milieu der weniger Gebildeten, ist die Arbeitssituation durch körperliche Anstrengung, Umweltbelastungen und Unterordnung gekennzeichnet. Überwiegend wird die Arbeit als körperlich anstrengende Arbeit bezeichnet, dreimal so häufig wie bei den Befragten von Niveaumilieu und Integrationsmilieu. Ähnliche Prozentsätze gelten für die Charakterisierung der Arbeit als handwerkliche Arbeit. Mehr als bei anderen Milieus (das Unterhaltungsmilieu ausgenommen) handelt es sich um Arbeit an Maschinen. Während das im nächsten Abschnitt geschilderte Integrationsmilieu dem Harmoniemilieu nach Stiltypus, Lebensalter und Bildung eng benachbart ist, unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen deutlich zum Nachteil des Harmoniemilieus: Unfallrisiko, Lärm, schlechte Luft, Schmutz. Nur 45% geben an, daß für die von ihnen geleistete Arbeit eine mehrjährige Ausbildung erforderlich war – der geringste Anteil im Milieuvergleich. Der Anteil von Hausfrauen, Rentnern und Rentnerinnen ist in diesem Milieu besonders hoch, was gewiß auch mit den ungünstigen Arbeitsbedingungen zusammenhängt.

Die Veröffentlichung dieses Textes auf dieser Website erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Gerhard Schulze.

 

Buchempfehlungen:
Schulze, Gerhard
Die Erlebnisgesellschaft
Kultursoziologie der Gegenwart
Campus Verlag, 2000
ISBN 3-593-34843-8

Susanne Binder, Gebhard Fartacek (Hrsg.)
Der Musikantenstadl
Alpine Populärkultur im fremden Blick
LIT-Verlag, Berlin 2006
ISBN 3-8258-9802-4

Sander, August
Menschen des 20. Jahrhunderts
Schirmer/Mosel
ISBN 3-921375-42-8

Canetti, Elias
Masse und Macht
Claassen, Hamburg 1960; ISBN 3-546-00012-9

Gelfert, Hans-Dieter
Was ist Kitsch?
Vandenhoeck & Ruprecht
ISBN 3-525-34024-9