• Urs Koller, der letzte Chefconcierge des Waldhaus, 1985
  • Am 27. Mai 1989 brannte das Waldhaus aufgrund einer Brandstiftung ab. Der Fall ist bis heute nicht geklärt.
  • "Ausbrennen lassen", lautete die Anweisung der Kantonalen Brandversicherung an die Feuerwehr.

Keine Ostergrüsse mehr!

Die geheime Gästekartei des Grandhotel Waldhaus in Vulpera (Engadin)

 

Edition Patrick Frey, Zürich

397 Seiten, 489 Abbildungen

Format: 19 cm x 27 cm

 

Texte von Martin Suter, Andrea Kühbacher, Lois Hechenblaikner, Hans Heiss und Bettina Spoerri

 

Der Fotograf und Künstler Lois Hechenblaikner setzt sich seit Jahrzehnten kritisch mit dem tourismusbedingten Wandel der Gesellschaft im Alpenraum auseinander und dokumentiert dies – zuletzt mit dem Fotobuch «Ischgl» – ungebrochen neugierig. Gemeinsam mit der Kulturwissenschaftlerin Andrea Kühbacher und Rolf Zollinger, dem letzten Direktor des Waldhauses, rekonstruierte er anhand der Karteikarten die Atmosphäre des Grandhotels.

 

«Keine Ostergrüsse mehr!» – so heisst es mitunter auf Karteikarten des Grandhotels Waldhaus in Vulpera, denn nicht jeden Gast wollte man wiederhaben. Concierge und Rezeptionist sind die ersten Anlaufpersonen in einem Grandhotel. Hinter der emotionalen Wärme, die der Gast bei der Begrüssung wahrzunehmen schien, steckte auch Kalkül. Man ertrug ungehobeltes Benehmen der illustren und zahlungskräftigen Gäste stoisch, notierte jedoch ihre Erfahrungen auf den Karteikarten. Gäste wurden diskret beobachtet, Telefonate belauscht, passendes und unpassendes Verhalten kommentiert. So lesen sich die maschinengeschriebenen Karteikarten als Porträtskizzen und Miniaturen, als subjektive Momentaufnahmen zwischen Diskretion und Observation.

Wer war ein «Glanzgast»?  Wer wurde als «Lückenbüsser» eingeschoben? Wem war es «zu mondän», «zu grandhotelmässig» und «zu viel los»? Wer schleicht sich auf den Etagen herum? Wer hätte gerne 12 Gigolos? Wer will nebeneinanderliegende Zimmer mit diskreter Verbindungstür? Welche Gäste bekamen die Notiz: bekennender «Rappenspalter» liebt «billige Forellen» ,„vergisst“ die Lunchbox zu bezahlen? Was musste passiert sein, dass man «Kleiner Mann mit grosstuerischem Auftreten», «blöder Kerl» und «eitler Tropf»«hat Haare auf den Zähnen», «Beisszange» oder «Ziege» notierte?

 

Was mag man wohl an der Rezeption besprochen haben, wenn 1932 Gäste reihenweise wegen der Bankkrise abreisen mussten, wenn 1939 die an jüdische Gäste verschickten Ostergrüsse mit den Vermerken «retour», «abgereist» oder «verzogen» zurückkamen? Wie verändert sich der Ton der Angestellten gegenüber jüdischen Gästen? Wie begegnete man den hochrangigen Nationalsozialisten? Wie den jüdischen Gästen, die Holocaust überlebt hatten und nach dem Krieg wiederkamen?Warum schrieb man auf Karteikarten von jüdischen Gästen «Tiroler» oder «P»?

Die seltene Quelle von ca. 20.000 Karteikarten erlaubt nicht nur einen Blick auf die Gäste, sondern auch auf die Perspektive jener, die die Karteikarten geführt hatten.

 

 

Zur Vorgeschichte

Da ist zu allererst ein bis heute ungelöster Kriminalfall aus dem Jahr 1989, als das Grandhotel Waldhaus, in dem auch Friedrich Dürrenmatt verkehrte, wegen Brandstiftung komplett abbrannte. 20 Jahre später ging das Gerücht um, dass eine Karteikartensammlung dieses Hotels mit brisanten Details über die Gäste aufgetaucht sein soll. Gleich mehrere Personen versuchten an dieses Material heran zu kommen, doch sie scheiterten allesamt. 2011 kam Lois Hechenblaikner diesen Karteikarten auf die Spur, aber erst 2016 gelang es ihm, einen ersten Einblick in diese Sammlung zu bekommen. Rolf Zollinger, der letzte Direktor des Grandhotel Waldhaus Vulpera, hütete als leidenschaftlicher Sammler die Karteikarten mit großer Obsorge. Weil diese besagte Karteikartensammlung in einem Nebengebäude gelagert war, blieben jene von den 1920er Jahren bis in die 1960er Jahre vom Brand verschont. Hechenblaikner gelang es Rolf Zollinger davon zu überzeugen, gemeinsam mit ihm die Karten als Buch herauszugeben. Es sollten aber noch Jahre vergehen, bis ein Verleger den Mut aufbringt, und dieses Buch veröffentlicht. Lois Hechenblaikner zog die Kulturwissenschaftlerin Andrea Kühbacher bei. Gemeinsam arbeiteten sie die Karteikarten auf, sortierten und ordneten sie in 17 Themengruppen. Dabei gelang es, geheime Codes die auf den Karteikarten vermerkt sind, zu entschlüsseln.

 

 

Zwischen Diskretion und Observation – Die 17 Kapitel, in welche die Karteikarten eingeteilt wurden:

 

  • Guter Empfang?
  • Hotelinternes – verwaltetes Wissen
  • Grosse Namen – gute Gäste?
  • Finden keinen Anschluss – passen nicht hierher!
  • Kurerfolge – hintenrum so mondän
  • Mini-Dramen, Komödien und Tragödien
  • Hormone und Spione
  • Preisdrücker, Zechpreller und Gauner
  • Mit einem Stichwort gebrandmarkt
  • Indiskret und ätzend
  • Keine Ostergrüsse mehr!
  • Der Schatten der Zeitgeschichte
  • Etwas Tiroler, Tirolerer, grosser Tiroler
  • Antisemitismus im Waldhaus – mehr als ein Oberflächen-Phänomen!
  • Ostergrüsse retour – abgereist, ausgewandert oder «parti»
  • Im Dunstkreis der NS-Ideologie
  • P, PP, PPP, PPPP – und andere Kürzel

 

 

Andrea Kühbacher hat Philosophie und Germanistik studiert, unterrichtete in Gymnasien und an der Universität Innsbruck, hat sich am Institut für Kulturwissenschaften als Kuratorin im Ausstellungs- und Museumswesen in Krems und Wien weitergebildet, war lange Jahre für die Pressearbeit des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum verantwortlich und ist leidenschaftliche Köchin sowie Autorin und Herausgeberin vom gastrosophischen Büchern.